Planung und Strategie

Der Schlüssel zu einer gelungenen Tour liegt in der gründlichen Vorbereitung und Information. Mit der SnowCard lässt sich eine effektive Strategie anwenden, welche in ihren Grundzügen auf die 3x3-Filtermethode von Werner Munter aufbaut (Zoomsystem). Wichtigstes Element ist dabei die gründliche Vorinformation und Planung mittels Lawinenlagebericht, Wetterbericht und Landkarte.

         Tourenplanung:       

 

 

 

 

Vorbereitung / Informationsbeschaffung:

Lawinenlagebericht und Wetterbericht
- Gefahrenstufe?
- wo liegen die ungünstigen Bereiche (Höhenlage, Hangexposition, Hangform)
- Welche Faktoren wirken heute ungünstig und warum?
- Welches Wetter ist zu erwarten? Sichtverhältnisse?

 

Schritt 1: Potenzielles Gefahrengelände mittels Neigungsmessung suchen
Bei Anwendung der SnowCard werden zunächst die potenziellen Gefahrenstellen mittels einer Landkarte (ideal: 1:25.000) und Neigungsmesser gesucht. Wir verwenden hierfür die die rot umrandete Grafik für ungünstige Expositionen und merken uns die Hänge, deren Neigung nach Ablesen der Farbgrafik im gelben (Sicherheitsmaßnahmen), orangen (erhöhte Vorsicht) und roten Bereich (hohes Risiko) liegt.
Ideal: Markieren der Bereiche auf einer Kartenkopie.
Schritt 2: Checkpunkte im Gelände planen
Vor den zuvor ermittelten, kritischen Bereichen (ab gelb) planen wir Checkpunkte ein, wo wir nochmals kurz überprüfen, ob die zuvor angenommenen Bedingungen noch unseren Erwartungen entsprechen. Bewährt hat sich hier eine sog. "Infobörse". Es werden nochmals alle relevanten Faktoren kurz abgefragt und überprüft, ob sie mit den Vorannahmen übereinstimmen.
Schritt 3: Günstige Hänge suchen
Nun werden die als rot, orange oder gelb bezeichneten Hänge auf der Landkarte (bzw. vor Ort) genauer untersucht. Aufgrund der Angaben im LLB und ggf. näheren Informationen zu den örtlichen Schneebedingungen lassen sich unter Umständen in manchen dieser Bereiche relativ günstige Bedingungen ausmachen. Ist dies der Fall, wenden wir nun für diese Hänge die günstige (grün umrandete) Grafik der SnowCard an.

Aufgrund dieser Angaben planen wir unser Verhalten im Gelände. Sollten nach diesem Check noch Hänge im "roten Bereich" liegen, ist ein Verzicht oder zumindest eine sehr gründliche und defensive Untersuchung vor Ort angebracht.

Schritt 4: Phantasie und Szenario
Szenarien sind das Handwerkszeug, um in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Vor Ort sind wir meist nicht so objektiv, wie es die Situation erfordert, deshalb entscheiden wir uns, bevor wir uns in der kritischen Situation befinden. Wir stellen uns also anhand der Infos aus dem LLB und dem Wetterbericht vor, welche Möglichkeiten unterwegs eintreten könnten. Dies kann ganz einfach eine steilere Hangneigung sein als in der Karte angegeben oder eine Differenz zum gemeldeten Wetter- und Lawinenlagebericht.

 

         Im Gelände:       

 

Routenwahl + Einzelhangcheck
Durch ständige Beobachtung der in der Planung als wichtig erkannten Faktoren bekommen wir ein immer detaillierteres Bild der Schneelage. Gleichzeitig können wir so unser Szenario ständig aktualisieren, bis wir zu den ersten kritischen Bereichen der Tour gelangen. Auf dem Basislevel wird zunächst die  tatsächliche Hangneigung und -form überprüft und auf das Vorhandensein von Alarmzeichen geachtet. Dann werden mögliche Veränderungen im Wetter und in der Schneemenge im Vergleich zum LLB überprüft und die Gefahrenstufe ggf. nach oben angepasst.

Im erweiteren Level werden die Windverfrachtung und Temperatureinflüsse (spez. Strahlung) zusätzlich abcheckt, was eine genauere Unterteilung von "günstig" und "ungünstig" ermöglicht. Besonders bei Gefahrenstufe drei (erheblich) ist dieser Schritt sehr wichtig, da hier Abweichungen von den Angaben im LLB durch örtliche Triebschneeablagerungen etc. relativ häufig sind. Wenn dieses Level nicht beherrscht wird oder wenn die Zeichen im Gelände zu undeutlich für eine klare Aussage sind, sollte man bei Stufe drei sehr vorsichtig sein und ggf. bereits ab dem Übergang gelb - orange verzichten.

Im obersten Level wird zusätzlich der Schneedeckenaufbau und die Schichtverbindung beurteilt, was in der Regel sehr viel Erfahrung und Schulung benötigt. Fehlen die wesentlichen Informationen oder sind diese unsicher, ist auch ein Experte auf diesem Level fehl am Platz. Komplexe Situationen erfordern einfache Entscheidungen und Bescheidenheit.

Zusammenfassung:
Fehlende Informationen und eine für die Beurteilung zu schwierige Situation führen automatisch dazu, dass der eher ungünstige Fall angenommen wird und auf eine detaillierte Einzelhanbeurteilung verzichtet wird. In diesem Fall wird dann generell mit der ungünstigen Grafik der SnowCard entschieden.

Bild: Bei frischem, offen liegenden Triebschnee lassen sich die ungünstigen und günstigen Bereiche häufig sehr gut abgrenzen - oftmals auf den Meter genau. In vorliegenden Fall sind alle Bereiche, die von dem Wind von rechts abgeblasen wurden, günstig. Alles andere, wo keine sichere Aussage möglich ist, gilt als ungünstig.

 

Anwendung ohne Planung?
Wenn zuvor keine Tourenplanung erfolgte, werden die nötigen Schritte von 1 bis 4 vor Ort durchgeführt. Allerdings unterliegen wir bei dieser Vorgehensweise schneller einmal einem Irrtum als bei einer guten Vorbereitung am Abend zuvor.

Freeriding?
Bei Abfahrten von oben (Freeriding, Variantenfahren...) muss die Entscheidung für jeden Einzelhang meist vor Antritt der Abfahrt gefällt werden - weitere Schritte entfallen in der Praxis oftmals. Umentscheide vor Ort sind meist sehr schwierig umzusetzen. Deshalb fällt hier der gründlichen Vorplanung ein entscheidender Stellenwert zu.
Eine schnelle Beobachtungsgabe vor Ort (Neigung, Exposition, Wind, Temperatur, Schneedecke) zur schnellen Routenwahl und die Vorplanung entsprechender Sicherheitsmaßnahmen ist gerade beim Freeriden sehr wichtig.

Wichtig:
Jeder fängt auf dem untersten Level an und auch der Experte kann bei fehlenden Informationen gezwungen sein, wie ein Anfänger zu entscheiden ("denn die Lawine weiss nicht, dass Du Experte bis" W.Munter). Unbekannte oder unsichere Informationen führen automatisch zur Beschränkung in der Methodenwahl.